Alles Analoge sind Garzarollis Aufgaben. Das Leeren des Briefkastens auch. Klar, denn nur Garzarolli bekommt noch physische Post. Diesmal kommt er aufgeregt vom Briefkastengang zurück. „Wir haben es geschafft, Schneller!“ und hält dabei einen Brief von Dr. Allegro hoch.
Der Brief, der alles verändert
Dr. Allegro ist die Koryphäe in Sachen Unternehmensnachfolge. Für Garzarolli ist es der Benchmark, ob man es als Unternehmen geschafft hat. Denn hinter der Marke Dr. Allegro verbirgt sich eines der besten Teams von Data Scientist:innen. Deren Aufgabe besteht einzig darin, den Algorithmus zur Identifizierung von Unternehmen zu optimieren, die aufgrund ihres Werts dringend eine Nachfolgeregelung benötigen. Scheinbar gehören wir dazu. Schneller lässt es kalt. „Brauchen wir nicht.“
Aber Garzarolli lässt nicht locker. „Du weißt nicht, wie das ist, ohne den anderen.“ Schneller, weiss worauf Garzarolli anspielt. Die regelmäßigen Leser dieses Blogs wohl auch. Da war dieser eine Business-Trip, den Garzarolli ohne Schneller bewältigen musste. Die Wunde sitzt immer noch tief. „Das war richtig scheiße. Außerdem werden wir nicht immer füreinander da sein. Wir müssen also vorsorgen. Du musst ohne mich klarkommen. Und ich ohne dich.“
Schneller gibt nach, nicht aus Überzeugung, sondern um den Streit zu vermeiden. „Ok, wir kümmern uns darum. Aber ohne Allegro. Wir machen es selbst.“ Ab jetzt harmonieren sie wieder und sind sich schnell einig. Klar ist, keine andere Person kann einen der beiden ersetzen. Die Lösung kann also einzig darin bestehen, dass beide in der Lage sind, den anderen in Perfektion imitieren zu können.
Um sich gegenseitig einzuüben, wird ein 3-monatiges Projekt aufgesetzt. Schneller macht den Garzarolli. Garzarolli macht den Schneller. Jeder nach seiner Facon.
Operation Schneller & Expedition Garzarolli
Garzarolli hat Schneller’s Gedankengänge schnell drauf, denn Schneller ist einfach gestrickt. Das weiß Garzarolli. Schneller’s Ding ist es lediglich, das Ordinäre komplex kompetent wirken zu lassen. Dazu trägt auch seine ästhetische Wirkung bei. Diese von Schneller nachzuahmen, das ist der deutlich schwierigere Teil. Garzarolli geht All-In. Er unterzieht sich einem mörderischem körperlichen Training in Kombination mit einer fruktal-karbonalen Diät. Spindeldürr begibt sich Garzarolli in die Schönheitsklinik von Dr. Honka in Polen. Die Zeit rennt. Eine OP für zwei Großbaustellen. Garzarolli lässt sich ein Teil seiner Haarpracht ins Gesicht transplantieren. Gleichzeitig werden seine Beine mit immensen Gewichten in die Länge gestreckt. Eine heute verbotene Praxis, die für Olympionik:innen aus dem Obstblock in den 80er Jahren verwendet wurde. Wie ein frisch geschlüpftes Fohlen geht Garzarolli auf seine neuen Stelzen. Um sich von den Schmerzen abzulenken, nutzt Garzarolli die letzten Tage bis zur Deadline für einen Schweizer Dialekt Kurs. Garazarolli isch rädy.
Schneller fährt einen anderen Ansatz. Weniger ist mehr. Der Fokus liegt auf Garzarolli’s Kern. Schneller organisiert sich ein Zelt und zieht für die 3 Monate in die Lüneburger Heide. Denn er weiß, dass Garzarolli’s Seele dort zu Hause ist. Über Kleinanzeigen ergattert er sich noch einen günstigen 40 Jahre Nachttisch. Bei Metro holt er sich eine Mega-Packung Risotto Reis. Mehr braucht es nicht, um Garzarolli zu inhalieren, glaubt Schneller. Freiheit, Schrulligkeit, Genuss und Natur. Statt Inspiration spürt Schneller aber meist nur Langeweile. Dennoch hält er an seinem Plan fest und hofft.
Zwei Schnellers sind einer zu viel
Beim nächsten Kundenauftrag wird das Erlernte ausprobiert. Sie spielen das Spiel weiter. Garzarolli macht den Schneller, Schneller macht den Garzarolli. Garzarolli hat sichtlich Spaß an seiner neuen Rolle und grooved sich schnell ein. Schneller tut sich hingegen schwer.
„Was soll das? Wer ist wer?“ fragt der Kunde irritiert. Denn nicht nur sehen beide wie Schneller aus, sie verhalten sich auch so. Der falsche Schneller imitiert Schneller in Perfektion. Dem echten Schneller gelingt es nicht, sich zu verstellen und Garzarolli zu imitieren. Der falsche Schneller rettet die Situation: „Wir haben die KickOff-Schokolade im Auto vergessen. Wir sind gleiche wieder da.“
Im Flur schüttelt Garzarolli Schneller wach. „Du denkst zu viel. Du denkst, was Garzarolli tun würde. Garzarolli denkt nicht! Er macht. Ignoriere dein Hirn, ignoriere das Umfeld. Mach einfach. Garzarolli ist frei.“ Schneller atmet tief durch, schüttelt seine Glieder locker und versucht sich vom Denken zu befreien.
Sie betreten den Meetingraum wieder und wagen einen zweiten Versuch. Schneller kommt langsam in Flow. Er fühlt sich von der Kerze auf dem Adventskranz angezogen, greift sie, sprüht Sprühsahne drauf und beißt sie ab. Geht doch! Es läuft.
Risotto, Stelzenliebe und andere Wahrheiten
Zum Ende des Projekts lädt Schneller Garzarolli für ein Risotto zu sich ins Zelt in der Heide ein. Sie lassen das Schauspiel Revue passieren. Schneller rührt im Risotto, das im Topf leicht blubbert, und mustert Garzarolli, dessen neue Stelzen im Zelt kaum Platz finden. „Weißt du, ich dachte immer, dich zu imitieren wäre einfach. Ein bisschen Schrulligkeit, ein bisschen Freiheitsduft, ein bisschen Heidekraut. Aber du… du bist verdammt schwer nachzumachen, Garzarolli. Du bist einzigartig und genau das macht dich so gut.“
Nach einer Weile legt Schneller die Kelle beiseite. „Sag mal… willst du optisch eigentlich Schneller bleiben?“ Garzarolli blickt auf seine langen Beine, streicht sich über das frisch transplantierte Bart-Haupthaar-Hybrid-Geflecht und zuckt mit den Schultern. „Weiß ich noch nicht. Aber eins ist auf jeden Fall von Vorteil: Ich brauch keinen Hocker mehr, wenn wir uns umarmen.“
Sie stehen auf, nähern sich unbeholfen und umarmen sich. Lang, fest, warm. Dabei flüstert Schneller Garzarolli was ins Ohr. Beide lächeln, verbunden in etwas, das nicht vergeht.
