Streit ist imminent. Das weiß Schneller. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis von den Kinderzimmern Geschrei bis in sein Home Office dröhnt. Solange niemand blutet oder die Nachbarn klingeln, lässt er es laufen. Dabei helfen ihm auch die besten Noise-Cancelling Kopfhörer auf dem Markt. Seine Frau findet ihn herzlos. Dabei sind es nur die Kopfhörer, die ihn herzlos erscheinen lassen. 

Irgendwann helfen auch die Kopfhörer nicht mehr, weil sie in seinem Home Office stehen:
„Paaaapiiiiiii, Hedi hat mich gebissen! AUA!“
„Neiiiiiiiiiinnnn, MAXIME HAT ZUEEEEEEEEEEEEERST!“

Wer ist schuld?

Schneller weiß, dass in dieser Situation Schlichten durch sachlich auf die beiden Einreden unmöglich ist. Schlagen sollte auch nicht die Option sein, dann erscheint er noch herzloser. Das einzige was funktionieren kann, ist seinen Kindern eine neue musterbrechende Perspektive auf ihren Streit anzubieten. Am besten noch in Kombination mit einem Spiel. Er zückt also sein zweites Instrument, um mit Streitereien umzugehen. Das Blame Roulette.

„Lass uns ein für allemal bestimmen wer schuld am Streit ist.“ Das Adrenalin schießt den Kindern ins Blut. Nach einem kleinen Streit, wer nun das Rad drehen darf, darf es endlich seinem Purpose dienen und wird gedreht. 

Maxime ist Schuld. Hedi ist erleichtert. Maxime glaubt gewonnen zu haben. Das wichtigste, Schneller hat wieder seine Ruhe für die nächsten 25 Minuten. Das ist seine Form der Pomodoro Technik.

Die scharfe Sauce

Als Garzarolli vom Blame Roulette erfährt, ist klar, dass das Instrument bei ihrem nächsten Kundenprojekt Verwendung finden wird, egal wie der Auftrag lautet. Wenn es bei Kindern funktioniert, muss es erst recht bei der Arbeitsbevölkerung funktionieren. „Scharfesaucen24“ sind die Glücklichen. Der Name passt nicht mehr hundertprozentig zum Konzept. Unterdessen vertreiben sie auch milde Saucen. Immerhin der Preis ist als verbindendes Element sortimentsübergreifend scharf geblieben. 

Nadine führt das Geschäft und verantwortet unseren Auftritt. Den Kick-Off Workshop designen wir mit dem einzigen Ziel, unser neues Instrument zücken zu können. Wir befragen das 20-köpfige Team nach Situationen, in denen die Emotionen hochgekocht sind. Uns interessieren unausgesprochene dysfunktionale Muster. Und als Kulminationspunkt schätzt jede*r das Gehalt der anderen anhand ihrer Wirksamkeit fürs Unternehmen ein. Es eskaliert. Thore ist angepisst, dass seine Leistung scheinbar nicht wahrgenommen wird. Theresa versteht nicht, warum sie so viel weniger verdient als von ihren Kolleg*innen eingeschätzt. 

„Wer ist daran schuld!?“ unterbricht Schneller lautstark und richtet die Aufmerksamkeit auf die verschlossene Tür. Garzarolli reißt sie auf und rollt mit Pauken und Fanfaren das eigens angefertigte „Scharfesaucen24“ Blame Roulette in den Raum. Der erste Dreh von Garzarolli dient der Vorführung und entscheidet lediglich, wer das Rad drehen darf. Immer noch wutentbrannt schwingt die auserwählte Theresa das Blame Roulette mit aller Kraft. Garzarolli und Schneller machen sich sorgen um die Konstruktion. Sie besteht den Stresstest.   

Dashboard zum Glück

Wie bei Schneller’s Kindern bewirkt das Blame Roulette Magisches. Durch die neutrale Schuldzuweisung wird das Streitgespräch im Keim erstickt. Außerdem weckt es den Spieltrieb bei allen Beteiligten. Nadine ist begeistert und setzt im Nachgang das Entwicklungsteam auf das Thema an. Das Resultat ist ein fancy Dashboard, das die Ergebnisse des Blame Roulettes über die Zeit visualisiert und analysiert.  

Monate später meldet sich Nadine aufgewühlt bei Garzarolli und Schneller und berichtet über die letzten Entwicklungen. Ihr Team hat das Konzept weitergedacht. Warum das Roulette nur für negative Schuldzuweisung verwenden? So wurde es auch bald als Instrument benutzt, um zu bestimmen, wer für die einzelnen Erfolge verantwortlich ist. Das Dashboard verhalf dadurch zur vollen Transparenz über die Leistung jedes Mitarbeitenden. Nadine war erstmals glücklich darüber, denn es machte ihren Job, Mitarbeiter zu entlassen und zu befördern deutlich einfacher und objektiver.

Die Ernüchterung folgte Ende Jahr bei der Vorbereitung der Jahresgespräche. Die Leistung von Basti, dem Praktikanten, übertrumpfte alle. Das war aber noch das geringere Problem. Denn Nadine’s eigene Leistung war die schlechteste im ganzen Team. Aus dieser Nummer kam sie nicht mehr raus. Denn einerseits wusste durch das Dashboard jede*r Bescheid. Und andererseits kannten auch alle das großformatige Poster in Nadine’s Büro, auf welchem ihr wichtigster Wert zu lesen war: Konsequenz.

Self-Blame

Nun verstehen Garzarolli und Schneller Nadine’s Aufgewühltheit. Sie ist heute von ihrem Posten zurückgetreten. „Wie geht es danach mit dir weiter?“ fragt Schneller mehr neugierig als besorgt. „Das weiß ich noch nicht, vielleicht zapfe ich erstmals die Corona Hilfen des Staates an und kümmere mich um meine Kinder.“

Wer sich um Nadine oder den Staat sorgt, ihr geht es unterdessen wieder gut und sie hat dem Staat kaum gekostet. Sie hat neu gegründet und ist wieder als Geschäftsführerin tätig. Sie produziert und vertreibt Blame Roulettes an Kitas mit dem Ziel, diese friedlicher zu machen. Back to the Roots. 

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